Orte zur Identifikation schaffen

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Nach knapp 25 Jahren: „Schule im Park“ in Ostfildern mit minimalen Eingriffen brandschutztechnisch aufgerüstet und zur Ganztagsschule umgebaut / Ein zeitgemäßes Medienhaus als Identifikationspunkt im Quartier: Neubau SWR Studio Tübingen

UMBAU UND SANIERUNG SCHULE IM PARK, OSTFILDERN 

Die vor knapp 25 Jahren fertiggestellte Schule im Park in Ostfildern eignet sich mit ihren beiden klar gegliederten Klassenzimmertrakten baulich wie auch in der Raumaufteilung für unterschiedliche Schulkonzepte. Gestartet als Haupt- und Werkrealschule (Fertigstellung BA1: 1999) und ergänzt mit der Grundschule (Fertigstellung BA2: 2002), beherbergt sie heute – in den Jahren 2022–2024 umgebaut und saniert – eine viereinhalbzügige Grundschule mit Ganztagesbetreuung. Dazu bedurfte es nur geringfügiger Anpassungen, von denen auf den ersten Blick zwei neu angebaute Treppentürme im Schulhof ins Auge fallen. Sowohl die Planungen der Neubauten als auch die Planung der Umbau-/Sanierungsmaßnahmen stammen aus der Feder des Stuttgarter Architekturbüros LRO – bzw. damals noch unter dem Namen Lederer Ragnarsdottir Oei. Die Hauptaufgaben beim Umgang mit den Bestandsgebäuden ergaben sich für LRO aus den veränderten baurechtlichen Brandschutz-Vorgaben und aus der Vergrößerung der Mensa-Kapazität von bisher 80 auf 400 Essen. Höchste Priorität hatte dabei der Erhalt der Typologie sowie der prägenden Raumidee mit der großzügigen, offenen „inneren Straße“. Eigentlich wollten die Architekten überhaupt nichts ändern, da ihnen die Schule mit ihrer beachtenswerten handwerklichen Qualität noch immer sehr gefallen hat. Auch sah für sie auf den Bestandsplänen alles so einfach und schlüssig aus. Auffällig sind die Analogien zu Alvar Aalto und Sigurd Lewerentz – eine Hommage an zwei Architekten, die die Stuttgarter heute noch genauso bewundern wie damals. Freilich war der Beschluss zur Umnutzung des Schulkomplexes unverrückbar gefasst. So galt es, Umbau und Sanierung mit nur minimalen Eingriffen anzugehen. Dazu wurden bei der Planung von LRO auch die gesammelten Erfahrungswerte des Nutzers berücksichtigt. Einer der Kritikpunkte war die Überhitzung des Gebäudes im Sommer. Da die bestehenden Möglichkeiten zur Nachtauskühlung nicht so genutzt worden waren, wie ursprünglich gedacht, ist die Nachtauskühlung nach den Umbaumaßnahmen nun automatisiert. Auch wurde in beiden Bauteilen die Frischluftzufuhr optimiert, damit die kühlere Nachtluft von unten besser nachströmen kann und die warme Luft am Oberlichtband entweicht. Einzelne Bauteile konnten einfach durch neue, höherwertige Produkte ausgetauscht werden – etwa der Behang der Markisen, der nun durch höheren Reflexionsgrad sowie geringere Transmission den Komfort verbessert. Und die bestehende, durchlaufende und geschickt versteckte Leitungsführung über den Einbauschränken an den Flurseiten der Klassenzimmer erleichterte die erforderlichen Nachinstallationen der Haupttrassen (Strom, elektronische Medien) enorm. Das Schöne an der Schule sind u.a. ihre Robustheit und die tektonische Ehrlichkeit des Gebäudes: Sichtmauerwerk außen und innen, Sichtbeton mit rauer Bretterschalung außen und innen, kaum Trockenbau oder verputzte Wände. Dies erschwerte allerdings jegliche Nachinstallation für nun sicherheitsrelevante Bauteile: Für Rauchmelder, Sicherheitsbeleuchtung, Fluchtweg-Piktogramme, Verkabelung zur Steuerung der Offenhaltung von Brandschutztüren etc. mussten jeweils individuelle Lösungen gefunden werden. Selbst im direkten Vorher/Nachher-Vergleich fallen sie jedoch kaum ins Gewicht. Die notwendig gewordene Verfünffachung der Küchenkapazität erforderte die bauliche Umstrukturierung sowie den Ausbau der technischen Ausstattung – vorwiegend der Lüftung. Unter Wegfall des Musikraums wurde der Speisesaal auf 160 Sitzplätze vergrößert und durch Verglasungen mit offenstehenden Holztüren von der Flur-Zone abgetrennt. Die Technik ist hinter einer gegenüber dem Bestand baugleichen Lamellendecke versteckt, jetzt allerdings mit allen brandschutztechnischen Anforderungen. Zur Entfluchtung der oberen Ebene in beiden Bauteilen wurden fünf neue Treppen ergänzt, vier davon außenliegend – als Kompensationsmaßnahme, damit die großzügige, offene und lichtdurchflutete Treppenhalle lediglich in zwei Rauchabschnitte unterteilt werden musste. Große Bypass-Türen zwischen den Klassenzimmern ermöglichen heute zwei unabhängige Fluchtwege direkt nach draußen. Die Außenhaut der Gebäude aus Ringofenziegeln mit relativ grober Oberfläche und verwischten, dicken Mauerwerksfugen hat die Zeit nahezu unverändert überdauert und trägt den Eindruck von Vertrautem, schon lange Dagewesenem in die Zukunft weiter. Die Vermauerung der Fassade findet in der „inneren Straße“ (Flurzone) ihre Fortsetzung und zeigt ein bewährtes System von Nischen, welche als Vorplätze vor den Klassenzimmertüren den Stadtgedanken mit Straße, Platz und Haus weiter ausformulieren.

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Umbau und Sanierung Schule im Park, Ostfildern: Die auf Dauerhaftigkeit ausgelegte Gesamtschule wurde knapp 25 Jahre später mit minimalen Eingriffen zur Ganztages-Grundschule Abb.: Roland Halbe, Stuttgart

NEUBAU SWR STUDIO TÜBINGEN

Das vorherige Studiogebäude des Südwestrundfunks (SWR) in Tübingen aus dem Jahr 1954 hatte den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht werden können. Auf einem Nachbargrundstück entstand deshalb ein Neubau, den die Mitarbeiter im Frühjahr 2025 beziehen konnten. Auf der städtebaulichen Ebene fungiert dieser als Auftakt zu einem Wohnquartier, das in den nächsten Jahren an der Stelle der SWR-Bestandsbauten entstehen soll. Von zentraler Bedeutung beim Entwurf durch LRO war „das Schaffen eines Orts“ an einer bedeutsamen Stelle des Quartiers Österberg. Der gleichermaßen kompakte wie schlanke Baukörper überzeugt durch seine zurückhaltende Ausgestaltung, die freundliche Atmosphäre und die möglichen Einblicke in das Studio-Geschehen. Hell und leicht präsentiert sich das neue SWR-Gebäude als Solitär und als Identifikationspunkt am zukünftigen Quartiersplatz. Es hat keine Rückseite, nur Vorderseiten, die den weiten Schwung von Straße und neuer Quartierszufahrt begleiten. Talwärts führt ein öffentlicher Weg an einer zum Wald hin orientierten Terrasse vorbei in Richtung Universität; darüber bietet eine Loggia im 2. Obergeschoss weit schweifenden Ausblick über die Baumkronen. Der Sockel aus wiederverwendeten Ziegeln erdet das Gebäude und macht die Neigung des Geländes auch optisch spürbar. Seine starke haptische Materialwirkung bildet einen kraftvollen Kontrast zu den hellen Fassaden der aufgehenden Geschosse. Deren Wechsel von grobem Putz und zueinander schräg gestellten Verglasungen sorgt für eine verständliche horizontale Gliederung und schafft eine freundlich-lebendige Anmutung. Die Eingangsfront liegt gegenüber der Straße zurückversetzt und profitiert somit von der Weite eines angenehm proportionierten Vorplatzes. Bereits von hier aus lassen sich Einblicke in den links vom Eingang gelegenen „Live-Point“ nehmen, der wechselnden Sendeformaten Raum bietet. An das Foyer mit Sitzmöglichkeiten in einer Rotunde schließt ein öffentlicher Bereich an, der sich vielfältig nutzen lässt: etwa für Feste und Empfänge, indem man Foyer, Veranstaltungsbereich und Terrasse zusammenschaltet. Über eine Trennwand ist aber auch die kleinteilige Unterteilung in einzelne Räume für kleinere Gruppen möglich. Zur Bewirtung steht eine Teeküche bereit. In den beiden Obergeschossen liegen jeweils auf der Westseite Großraumbüros, die auf kurzem Wege über eine offene, skulptural gestaltete Wendeltreppe miteinander verbunden sind. Um Störungen des Newsdesk-Betriebs zu vermeiden, sind die kleineren Büroeinheiten, Studios, Meeting Point und Aufenthaltsraum davon abgerückt. Durch den weitgehenden Verzicht auf massive und tragende Wände im Innern lassen sich die Flächen über den Hohlraumböden leicht anpassen, sobald sich die Arbeitsbedingungen verändern; die kleineren Büroeinheiten können zusammengeschaltet und die Großraumbüros unterteilt werden. Dienende Funktionen sind im asymmetrisch, dennoch zentral platzierten Kern untergebracht. Die umlaufenden Erschließungsflächen sind minimiert und Teil des Konzepts effizienter und wirtschaftlich nutzbarer, frei bespielbarer und leicht zu verstehender Grundrisse. Mit seinen brettgeschalten Sichtbetonoberflächen und Holztüren steht der massive, die Sinne ansprechende Kern im Kontrast zu den teilverglasten Flurwänden, hellen Decken und Wandflächen. Deren zurückhaltende Farbigkeit bildet den neutralen und ruhigen Hintergrund für die Arbeit, akzentuiert durch die sonnigen Gelbtöne der Vorhänge und Treppenwangen. Die „Zick-Zack-Fensterelemente“ der Bandfassaden machen die angenehm offen und licht erscheinenden Räume optisch nochmals größer und führen den Blick aus dem Raum hinaus talwärts. Der Bereich um die Wendeltreppe herum fördert den informellen Austausch und führt im obersten Geschoss direkt zum Aufenthaltsbereich bzw. zur Dachterrasse, von wo sich ein herrlicher Ausblick auf die Stadt genießen lässt. Ein in Brüstungshöhe verglastes Oberlicht im 1. Obergeschoss eröffnet den Blick hinab ins Foyer. Im Detail: Die Außenhaut des geschosshohen Sockels mit seiner bogenförmigen Öffnung für die Garageneinfahrt besteht aus hinterlüfteten Ziegeln. Die das SWR-Areal umschließende Ziegelmauer ergibt sich organisch als Fortführung dieses Hanggeschosses und mündet schließlich in ein signalhaftes, übermannshohes Lüftungsbauwerk an der Hofzufahrt, auf dem der Sender sein Logo zeigt. Die hellen Fassaden – klassisch mit zweischaligem Aufbau – sind außenseitig mit einem grobkörnigen, mineralischen Putz versehen. Die obere Abdeckung der in Zackenform ausgestellten Fensterelemente nimmt den Sonnenschutz (schienengeführte Raffstore) auf, der in der Ebene der Zackenspitze geführt ist. Vordächer, wie z.B. das Eingangsdach, sind in Sichtbeton ausgeführt. Als Materialien fanden dauerhafte und reparaturfähige Baustoffe Verwendung, die v.a. im Innern natürlich und angenehm anzufassen sind. Durch die Kompaktheit des Neubaus gestalten sich Bau und Betrieb sehr ökonomisch. Die Heiz-/Kühldecken sind akustisch wirksam. Wärme wird über Erdsonden gewonnen; im Sommer kann das Gebäude durch die freie Kühlung des Erdsondenfelds größtenteils temperiert werden. Die Dachfläche ist extensiv begrünt und großflächig mit Photovoltaik belegt. Die Wärmepumpen lassen sich dadurch CO2-neutral betreiben. Das Gebäude erfüllt die Bedingungen eines Effizienzhauses nach dem Standard KfW 55. Der Neubau ist im Wesentlichen gemäß DIN 18040 (Norm Barrierefreies Bauen) geplant. Alle Ebenen sind per Aufzug erreichbar.

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